Rant: „Nazis sind dumm und Hartz4-EmpfängerInnen, die nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen“

Ich ärgere mich in letzter Zeit ziemlich oft über ein paar Sachen, mit denen Nazis/Pegida usw. von links (oder auch mal aus der Gesellschaft) angegriffen werden.
Pegida sind scheiße, weil sie zum Beispiel fremdenfeindlich und menschenverachtend sind, aber nicht weil sie dumm sind (wenn sie das überhaupt überwiegend sind, ich halte das ja für ein Vorurteil). Es gibt Menschen, die weniger intelligent sind, in allen politischen Lagern. Und Menschen dafür anzugreifen, daß sie vielleicht weniger intelligent sind, finde ich unter aller Kanone. Würdet ihr einen Pedigisten dafür angreifen, daß er im Rollstuhl sitzt? Intelligenz sucht man sich nicht aus und das lässt sich auch nicht aus eigenem Willen ändern, eine fremdenfeindliche Gesinnung schon. Und wenn Ihr euch mit den Rechtschreibfehlern von Rechten aufhaltet, habt ihr das Thema verfehlt.Vielleicht habt ihr allen Grund wütend und sauer zu sein auf Rechte, und vielleicht lohnt es sich nicht mit ihnen zu diskutieren, aber ihr habt, gerade auf Twitter oder Facebook oder so, möglicherweise ein Publikum. Und bei der Person, die ihr wegen der Rechtschreibfehler verhöhnt, ist vielleicht Hopfen und Malz verloren, aber die 20 stillen MitleserInnen, die noch unentschieden sind, ob sie Pegida gut finden, die erwischt ihr mit Eurem Hohn gegebenenfalls auch gleich mit. Und wenn sie auch nicht so gut rechtschreiben können, stellt ihr sie gleich auch in eine Ecke. Find ich jetzt keine gute Idee. Und die Leute aus dem linken Spektrum oder sonstwoher, die auch nicht gut rechtschreiben können, die verhöhnt ihr auch gleich mit. Wie arrogant ist das denn? Meine Rechtschreibung ist unter aller Kanone, ich mache fast in jedem Tweet Fehler, und ich sag Euch was: Das disqualifiziert mich nicht in einer politischen Diskussion und auch nicht als Mensch. Und ganz ehrlich: Gibt es nicht wahrlich ausreichend andere Sachen, mit denen Ihr Rechte konfrontieren könnt?

Ich ärgere mich auch saumäßig, wenn unterstellt/vorgeworfen wird, daß die Pegidaleute überwiegend Harz4-EmpfängerInnen sind und nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen. Na und? Hat die Linke keine Erwerbslosen Mitglieder? Gehen die Leute in besetzten Häusern alle einer geregelten Arbeit nach und zahlen Steuern? Was soll denn das überhaupt? Wir leben hier alle in einem Sozialstaat, und wenn es keine Arbeit gibt zahlen wir nach ner Weile Hartz4, das ist keinesfalls ein Spaß da am empfangenden Ende zu sitzen und das wird jetzt den Rechten von links vorgeworfen? Und aus der gleichen Richtung wird ein bedingungslosen Grundeinkommen und das Ende der Sanktionen gefordert und Kapitalismuskritik zelebriert? Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Jemand verhöhnen, weil er/sie Hartz4 bezieht. Mir dabei scheißegal ob rechts oder links. Überprüft doch mal eure Privilegien.

Ich beziehe diesen Rant auf Tweets, die mir in letzter der Zeit untergekommen sind. Ich bin keine Rechte und ich verteidige auch keine Rechten, ich verteidige mich selbst als Rechtschreibschwache und Hartz-4-Empfängerin, die keinen Beitrag zum Bruttosozialprodukt leistet, weil ich überhaupt keinen Bock drauf habe, von Links gleich mit diskreditiert zu werden. Das ist nicht als persönlicher Angriff auf irgendjemand gedacht, ich bin generell gerade hier etwas aufgebracht und auch wenn ich „Ihr“ schreibe meine ich nicht jedeN EinzelneN von Euch.

Plätzchenproduktion und Übergabe (Teil 2)

Dies werden mehrere Blogposts, weil ich sooooo viele Fotos habe. Teil 1 ist hier.

Erstmal konnten meine Mitbäckerin @HeartbeatRsa und ich was Verzierkram angeht aus den vollen schöpfen. Sie hatte einiges da, ich hatte noch einiges von vorherigen Verzieraktionen, dazu kam das Hans-Meiser -Paket (an dieser stelle nochmal vielen Dank dafür), und wir haben zusätzlich noch Mini-Gummibärchen, Mini-Tropi Frutti, Mini Colorado, die kleinen Haribo-Weihnachtstütchen, kleine und große Smarties, TicTacs und so dazu gekauft.IMG_2811

@HeartbeatRsa bäckt leidenschaftlich, und ich bin heilfroh, daß sie mir das Backen abgenommen hat, weil ich bin da ne Totalkatastrophe, und ich hab dann so lange schonmal mit verzieren angefangen.IMG_2812

Wir haben innerhalb von drei Tagen quasi Vollzeitarbeit 183 Kekse produziert. Nebenbei lief der Fernseher mit Nachrichten und was halt im Fernseher so läuft, ich bin jetzt voll informiert über Frisuren von irgendwelchen Royals und so. Wir haben aber auch so nebenbei Filme geschaut, die nicht zu viel Aufmerksamkeit verlangen, Ghostbusters 2 und Schokolade zum Frühstück und so, nichts was so spannend war, daß wir dabei das Verziehren vergessen hätten.IMG_2829

IMG_2831Am Sonntag haben wir dann die Plätzchen eingetütelt und jede mit ein paar Worten an die Refugees versehen.IMG_2929

Dazu gab es weißen Glühwein, der voll lecker war, und den wir uns auch redlich verdient haben.IMG_2931

Am Ende waren wir total zufrieden mit der Arbeit.IMG_2933

Am Dienstag sind wir dann zu einer neuen Refugee-Unterkunft hier in der Nähe gefahren, die 154 BewohnerInnen hat, die alle ganz frisch eingezogen waren. Wir haben mit der dortigen Sozialpädagogin gesprochen und sind mit dem Unterkunftsleiter von Tür zu Tür gegangen und haben die Kekse verteilt. Die Leute haben sich echt gefreut, teilweise konnten sie gar nicht glauben, daß sie jetzt einfach so etwas geschenkt bekommen. Die Sozialpädagogin sagte auch, daß das wahrscheinlich das einzige ist, was die Refugees zur Weihnachtszeit bekommen, weil sie da nicht schaffen, was zu organisieren, es gibt da noch nichtmal Stühle, wegen einem Lieferengpass. Ansonsten ist die Unterkunft ziemlich schön, es gibt Zweierzimmer und Familienzimmer, es gibt Gemeinschaftsküchen, drumherum auf dem Gelände etwas Wiese zum spielen für die Kinder, und es macht einen gut gepflegten Eindruck, ist aber auch alles neu.
Leider war das ganze ziemlich schnell vorbei, und so zwischen Tür und Angel sind nur ganz kleine Gespräche zwischen den Refugees und uns entstanden, aber die Stimmung war wirklich gut und ruhig, schön einfach. Auch die strahlenden Augen von Kindern und Erwachsenen. Ich bin total froh, daß wir das gemacht haben, und einen guten Erstkontakt zu den Verantwortlichen haben, so daß da auch in Zukunft mal was gemeinsam auf die Beine gestellt werden kann. Da hab ich auch schon eine Idee.

Hier geht’s zu Teil 3: Plätzchenfotos

Ich bin eine davon

Ich habe in den letzten Tagen drei Texte gelesen, von denen ich mich persönlich angesprochen gefühlt habe. Ich würde Euch bitten, falls Ihr das noch nicht eh gemacht habt, das erstmal auch zu tun:

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen….
Die Sonne der eigenen Anständigkeit
Eine Kapitulationserklärung

Und die meinen alle mich. Ich bin Erwerbsunfähigkeitsrentnerin. Aus den gleichen Gründen, warum ich nicht arbeiten kann, kann ich mich auch nicht regelmäßig für irgendwas engagieren. Ich kann gesundheitsbedingt nicht zuverlässig sein, ich kann körperlich meist nicht anpacken und ich kann sehr wenig emotionalen Stress aushalten. Es gibt immer gute Tage, wo etwas geht, und schlechte Tage, wo gar nix geht. Dazu kommt, wie bei allen anderen auch, mein allgemeines Ohnmachtsgefühl und mein Schweinehund und meine alltäglichen Prioritäten. Wenn ich mich also eher sporadisch und punktuell für irgendwas engagiere, sind das meistens andere, eher weniger emotionale/abstrakte Themen ( z.B. TTIP), was nicht heisst, daß mich die Situation der Refugees kalt lässt, aber es ist eben schwierig für mich. Ich habe, trotz aller Dringlichkeit, meinen Weg für ein Engagement hier noch nicht gefunden, und ich hab immer wieder viel zu schnell aufgehört zu suchen.
Was ich bisher so gemacht habe, kommt mir soooo viel zu wenig vor: Ich habe Vorletztes Jahr einmalig eine Tasche mit Winterkleidung, Hygieneartikeln und Schreibzeug in die Bayernkaserne gebracht. Ich habe letzten Winter warme Sachen, Wasser etc. zu den Refugees gebracht, die am Sendlinger Tor im Hungerstreik waren. Ich hab bestimmt einiges an Petitionen unterschrieben, was zum Thema auf Twitter verbreitet oder ein paar Euro gespendet. Und das ist nach meinem Empfinden viel zu wenig. Und ich will nicht, daß Heinrich Schmitz , von dem ich bisher noch nicht bewußt etwas gehört habe, seine Texte umsonst geschrieben hat und sich all die Probleme umsonst eingefangen hat (was auch für unzählige AktivistInnen gilt). Und ich möchte nicht, daß seine Kapitulation einfach verhallt. Es soll nicht umsonst gewesen sein, genauso wenig wie die Apelle von Frau Meike und Kurzhaarschnitt und all die Kloppe, die sich „die Antifa“ immer wieder einfängt, weil die Mehrheit (inklusive mir) zuhause bleibt.

Also, Challenge Accepted: Deswegen mache ich jetzt folgen Deal ganz öffentlich mit mir selbst: Ich werde jeden Monat bis zum Ende des Jahres *irgendwas* für die Refugees tun. Auch wenn es was kleines ist. Und für jeden Monat, wo ich nichts tue, überweise ich 3 Euro an eine Institution, die Refugees hilft. Das ist mein persönlicher Tropfen auf dem heissen Stein.

Und weil ich momentan so hitzebeschädigt bin, daß ich quasi nur ein Matschpudding bin, und der Wetterbericht keine Besserung verspricht, habe ich für den August gleich mal 3 Euro an Sea Watch überwiesen. Und ich werde meine Bemühungen für die nächsten Monate hier updaten.

Und ich fordere alle, die auch angesprochen sind auf, mir das nachzumachen und ihre Bemühungen gerne in den Kommentaren zu dokumentieren, oder auch nicht. Und wenn Ihr Ideen habt, was ich tun könnte, nur her damit.

Und ich danke allen von Herzen, die sich einmalig oder immer und immer wieder für Refugees engagieren oder sich dem Mob entgegenstellen.

Solidarität mit Griechenland

Ich bin im Moment so unheimlich frustiert darüber, wie die europäischen MachthaberInnen mit Griechenland umgehen. Die Presse, die große Politik und die europäischen Institutionen.

In Griechenland läuft vielleicht seit Jahrzehnten einiges falsch, aber im Moment läuft etwas ganz elementares richtig, und ich fände es ganz fürchterlich, wenn das im Keim erstickt wird.

Hier dazu mal ein kleiner Artikel: Der Mut der Demokratie

Neben unserer Solidarität braucht Griechenland vor allem dringend Geld. Und ich finde, wenn die europäischen MachthaberInnen da so verkacken, dann sind wir gefragt, auch wenn wir nur kleine Dinge tun können.

Ich hab jetzt natürlich auch nicht so viel Geld. Und ihr wahrscheinlich auch nicht. Und ich kenne jetzt auch keine Kontonummer, wo ich einfach was überweisen könnte. Aber ich würde z.B. gerne griechische Produkte mit einem Solidaritätszuschlag kaufen. Ich fände es toll, wenn es sowas gäbe. Wenn jemand von Euch hier Initiativen oder Möglichkeiten kennt, würde ich mich über ein Kommentar freuen.
Ich wurde schon auf diese Seifen: Solidarität ist eine Seife   hingewiesen, und habe jetzt auch einen Seifenvorrat für die nächste Zeit bestellt.

Was mir sonst noch einfällt, ihr könnt das gerne in den Kommentaren ergänzen:

  • Urlaub in Griechenland machen (für die, die sich Urlaub leisten können)
  • Ich möchte einer Grichenlandurlauberin ein bißchen Geld mitgeben, daß sie mir griechische Produkte mitbringt, die ich eh brauche, Lebensmittel oder irgendwelchen Kram wie Zahnpasta oder Spülmittel, Hauptsache griechisch und wenn möglich eher von kleinen ProduzentInnen als von Großindustriellen.
  • Bei den griechischen Läden oder ObsthändlerInnen einkaufen
  • Es finden sich im Internet auch einige VersandghänderInnen mit griechischen Waren

Natürlich bin ich mir bewusst, daß es auch viele andere Länder gibt, die arm sind und Solidarität brauchen, gegen die will ich Griechenland auch nicht ausspielen. Aber in Griechenland gibt es gerade die Möglichkeit, daß ein Wandel stattfindet, den ich nicht nur für Griechenland unheimlich wichtig finde und ich würde ihnen gerne den Rücken stärken und das unterstützen. Mir fällt dazu ein Ausspruch ein, den ich mal gelesen habe: „Put your money where your mouth is.“

Edit: Hier gibt es solidarisches Olivenöl.

 

Wollt ihr das unterstützen?: Freie Lastenradler München

Ich möchte Euch auf ein Crowdfunding aufmerksam machen, das ich absolut unterstützenswert finde, und Disclaimer: Ich würde selbst davon profitieren.

Es geht darum, daß zwei Menschen hier in München über die Stadt verteilt 10 Lastenfahrräder aufstellen wollen, die alle kostenlos ausleihen können.

Alle, also Erwerbslose, StudentInnen, Flüchtline, RentnerInnen, und auch Leute die einfach Spaß dran haben oder lieb zur Umwelt sein wollen.

Ich habe kein Auto und nie einen Führerschein gemacht, in München reicht Fahrrad und MVG für mich wunderbar, aber ein paarmal im Jahr muß ich doch was transportieren, und dann komme ich in die Bedrullie. Die einzigen beiden in meinem Bekanntenkreis, die ein Auto haben, sind immer völlig genervt, weil sie für alle immer nur mal schnell was transportieren sollen. Und ein Taxi ist nicht im Budget normalerweise. Ich habe schon einen fetten kaputten Drucker in einer Tasche am Fahrradlenker zum Wertstoffhof gebracht, das geht, aber ist keine besonders verkehrssichere Angelegenheit. Und zum Geburtstagsfest transportier ich die Flaschen einzeln, weil ich ne Kiste Bier mit dem Rad nicht nach Hause kriege. Wenn ich mir zu solchen Gelegenheiten ein Lastenfahrrad ausleihen könnte, wäre das toll.

Und wenn ich denke, ein Flüchtling könnte sowas zum Umzug von einer Unterkunft in eine Wohnung nutzen, fände ich das toll.

Oder wenn ich denke, eine Erwerbslosenfamilie hätte es mit dem großen Lebensmitteleinkauf leichter, weil sie auch einen günstigeren Markt weiter weg nutzen können, wäre das super.

Oder wenn ich denke, eine alleinerziehende Mama kann ihre Kiddies auf ein Lastenfahrrad packen, und sich so einen kleinen Ausflug ins grüne leisten und organisieren, fände ich das toll.

Oder oder oder….

Also ein Aufruf an alle, die ein bißchen Geld übrig haben: Überlegt euch doch, das zu unterstützen, das ist ne tolle Sache, und vielleicht schwappt das Konzept ja auf andere Städte über. Und ein paar coole Prämien gibt es auch. Vielleicht würdet ihr das auch selber nutzen wollen? Und vielleicht wollt ihr das auch weitersagen?

Hier ist der Link: Freie Lastenradler Crowdfunding

Ich würde so gerne sehen, daß das Crowdfunding gelingt. Es läuft noch 13 Tage.

UPDATE: Es hat geklappt! Für 10 Lastenräder hat es nicht gereicht, aber wenn ich’s richtig im Kopf habe für 5 oder 6. Find ich toll. Und die Taage, als ich morgens noch nichtmal richtig zurechnungsfähig war, hat’s geklingelt, und ein Lastenradler hat mit meinen Kasten Quartiermeister gebracht. Juhuuu.IMG_2290

Auch Münchner Erwerblsose freuen sich über die Richtervorlage des SG Gotha

Das Sozialgericht Gotha möchte vom Verfassungsgericht prüfen lassen, ob Hartz4-Sanktionen gegen die Verfassung verstoßen, und zwar unter anderem gegen Artikel 1 (Unantastbarkeit der Menschenwürde) und Artikel 20 (Sozialstaatlichkeit der Bundesrepublik), denn die 15. Kammer des Gerichts hält Sanktionen für verfassungswiedrig. (MDR berichtete)

Das ist ein Grund zum Feiern, es ist ein ganz wichtiger Schritt für alle Erwerbslose und ein Teilsieg vieler Erwerbsloser im Kampf für die Abschaffung von Sanktionen, die seit vielen vielen Jahren auf eine höchstrichterliche Entscheidung über die Verfassungswidrigkeit von Sanktionen hinarbeiten. Ob es die geben wird, ist noch unklar, aber so nah dran waren wir meines Wissens nach noch nicht.

An dieser Stelle möchte ich mal zwischendurch allen Menschen, die sich, auf welchem Weg auch immer, gegen Sanktionen engagieren oder engagiert haben, oder einfach ihre Rechte einfordern ein herzliches Danke sagen. All die Mühe habt Ihr auch stellvertretend für mich und für alle anderen auf Euch genommen, und ich bin wirklich dankbar dafür, denn ich hatte und habe es selbst nicht in dem Maße, das nötig ist, im Kreuz. Weiter so!

Blogpost und Pressemitteilung der Jobcenteraktivistin Christel T.
Die SZ dazu, und ein Kommentar von Prantl
Neues Deutschland : Das Minimum ist die Untergrenze

Und hier feiern zwei Münchner Erwerbslose den Teilerfolg mit Wasser und Knäckebrot, mehr ist ja auch für Sanktionierte nicht drin!EhGUW2FG.jpg:small

Offener Brief an die SZ zur Online-Bezahlschranke

Liebe EntscheiderInnen bei der SZ,

ich bin Erwerbsunfähigkeitsrentnerin mit einer sehr kleinen Rente. In einer prekären Lebenssituatuon fehlt oft das Geld vorne und hinten. Aus diesem Grund organisieren Sie den SZ-Adventskalender, greifen Menschen unter die Arme. Ich habe bereits zweimal ein Lebensmittelpaket von Ihnen erhalten und ich ich habe mich beide Male sehr gefreut. Allerdings: An Lebensmittel kommt man auch in schwierigen Situationen noch ganz gut: Es gibt Tafeln, es gibt in München mehrere Fairteiler, es gibt foodsharing.de, es gibt einige karitative Einrichtungen, die Essen oder Lebensmittelgutscheine ausgeben, viele haben Verwandte oder FreundInnen, die einem gerne mal eine Tüte voll Lebensmittel schenken, und selbst wenn Leute auf der Straße fremde Menschen um etwas bitten, ist es bei Lebensmitteln viel einfacher, auf Solidarität zu stoßen, als z.B. bei Tabak, Alkohol, oder sogar einer Zeitung? Jeder versteht, daß Menschen essen müssen. Aber müssen Menschen auch Zeitung lesen?
Im Hartz-4 Satz waren vor der Erhöhung 1,49 Euro pro Monat für Bildung vorgesehen, möglicherweise sind es jetzt ein paar Cent mehr. Ein Süddeutsche kostet am Kiosk 2,40 Euro. Eine Hartz 4-Empfängerin kann also etwa alle 6 Wochen eine Süddeutsche lesen, sofern sie Ihr komplettes Bildungsbudget dafür aufwendet. Oder sie kann auch einen ermäßigten (!) Jahresausweis der Münchner Stadtbibliotheken für 10 Euro kaufen, wenn sie statt SZ zu lesen etwa sechseinhalb Monate dafür spart. Oder sie kann einen Nähkurs bei der Volkshochschule für 62,50 Euro ermäßigt (!) machen und darauf über 40 Monate sparen.
Was ich damit sagen möchte: Zugang zu Bildung ist für einige Menschen ein viel knapperes und wertvolleres Gut als Lebensmittel.
Ich habe bisher Ihr Online-Angebot genutzt, ich habe täglich mehrfach reingeschaut. Seit gestern ist das eine sehr frustrierende Angelegenheit und ich merke den Verlust deutlich. Ich lese auch Artikel aus anderen Zeitung, aber die Süddeutsche ist unter den journalistischen Angeboten meine primäre Nachrichtenquelle und für mich nicht ohne spürbare Abstriche ersetzbar. Und da bin ich sicher nicht die einzige.

Und so sehr ich Ihre Adventskalender-Lebensmittelpakete wertschätze, mir wäre ein Online-Zugang zur Süddeutschen lieber. Ich möchte anregen, falls Sie bei Ihrem Bezahl-Konzept bleiben möchten, auch den ärmeren Menschen eine Chance zu geben, und zum Beispiel Online-Zugänge zu Ihrem Angebot in Erwägung zu ziehen. Für Leute, die nicht die Alternative haben, dafür zu bezahlen. Ich bin sicher, Sie würden damit vielen Menschen einen großen Dienst erweisen. Mir auch.

Mit freundlichen Grüßen,

UPDATE vom 7.4.15
Ich hatte einen kleinen Emailverkehr und auch heute ein kurzes Telefonat mit der Marketing Managerin Digitale Produkte der SZ. Derzeit wird Feedback (also auch meines) zum neuen Bezahlkonzept gesammelt, und alles wird an die entsprechenden Stellen weitergeleitet und besprochen.Wenn es entsprechende Änderungen gibt, möchte mir die Mitarbeiterin auch Bescheid geben. Ich finde, das ist eine sehr erfreuliche Reaktion, ich warte jetzt einfach mal ab und würde mich auch sehr freuen, wenn es tatsächlich eine Lösung für Menschen mit wenig Geld gibt.Vielen Dank auf jeden Fall schonmal soweit! :-)

Kleiner Rant zur Berichterstattung über Hartz-IV-Sanktionen

Heute habe ich sowohl in der Süddeutschen Online (Artikel hab ich nicht mehr gefunden) wie auch in der Welt Online Artikel zum Thema Hartz-IV Sanktionen gelesen, und ich bin in beiden Fällen zum wiederholten Male echt wütend geworden. Aufgrund der teilweise sehr ähnlichen Formulierungen gehe ich davon aus, dass beide auf der gleichen dpa-Meldung basieren.

Was mich ärgert ist folgendes: Fast immer wenn man in den Mainstream-Medien etwas zum Thema Hartz-IV Sanktionen liest, steht etwa Folgendes im Artikel: „Im Zuge der Hartz-Reformen haben Arbeitsämter die Möglichkeit bekommen, Hartz-IV-Empfänger zu sanktionieren: etwa wenn sie Termine versäumen, Schulungen schwänzen oder die Aufnahme einer zumutbaren Arbeit verweigern“. (Hier aus dem Welt-Artikel).
Also immer sind die Hartz-IV-EmpfängerInnen die Schuldigen. Kann das nicht neutraler formuliert werden? Das ist total tendentiös und untermauert Vorurteile. Im gleichen Artikel geht es darum, daß 42% der KlägerInnen, die gegen die Sanktionen klagen Recht bekommen. Das liegt nicht etwa daran, daß die RichterInnen es ok finden, wenn sie „Schulungen schwänzen“, sondern daran, daß die Sanktionen zu unrecht ausgesprochen wurden und es offenbar andere wichtige Gründe für das Fernbleiben gab, was sie vor Gericht offenbar glaubhaft darlegen konnten. In 42% der Fälle waren also nicht die Hartz-IV-EmpfängerInnen faul oder schusselig, sondern die, die die Sanktionen ausgesprochen haben, haben unsauber gearbeitet. Und diese Seite kommt mir keinem einzigen Wort in der Berichterstattung vor.

Und dann sind diese Hartz-IV Empfänger auch noch so unverschämt und machen den Gerichten so viel Arbeit? Und auch noch auf Staatskosten? Wie frech. Da nimmt ihnen jemand in 42 % der Fälle unrechtmäßig einen Teil Ihres Existenzminimums und sie wehren sich auch noch dagegen?
Liebe JournalistInnen, 42% sind keine Ausnahmen und keine Einzelfälle, das sind mehr als es CDU-WählerInnen gibt. Macht doch Eure Arbeit ordentlich und berichtet neutral.

 

Ergänzung vom 12.7.: Es geht sogar noch um deutlich mehr als um 42 Prozent