Ich erzähl euch mal was vom Bergwaldprojekt

Heute habe ich mal wieder einen Newsletter vom Bergwaldprojekt im Postfach gefunden, es werden dringend Freiwillige gesucht.
Deswegen dachte ich, ich erzähl Euch mal von meiner tollen Erfahrung mit dem Bergwaldprojekt, daß ich für außerordentlich unterstützenswert halte.

Im Jahr 2000 war ich sehr abenteuerlustig, aber chronisch pleite. Und ich weiß gar nicht mehr, wie mir der Prospekt in die Hände gefallen ist, aber es gab eine große Auswahl an Projektwochen, wo man auch ohne groß von was Ahnung zu haben mal ne Woche im Wald arbeiten und helfen konnte, weg von der Welt, quasi direkt um die Ecke und für wenig Kohle.
Ich hab mir damals ein Projekt in Altlach am Vailchensee ausgesucht, da konnte ich mit nem günstigen Regionalzugticket hinfahren, und soweit ich mich erinnere, hat mich das ganze auch nicht mehr als dieses Ticket gekostet. Meine kleine Schwester ist auch mitgefahren.
Wir waren so etwa 25 Leute, eine buntgemischte Truppe jeglichen Alters, und mit dabei waren eine Köchin, die uns fantastisch mit vegetarischen Essen versorgt hat, und ein Förster vom Bergwaldprojekt, der uns gemeinsam mit dem lokalen Förster angeleitet hat.

Unser Quartier war eine Holzhütte, in der es 2 oder 3 Hochbetten, Tische und Stühle und einen mit Holz oder Kohle betriebenen uralten und urigen Herd gab, es gab auch Licht, aber ich weiß nicht mehr, ob das elekrisch war, oder Petroleumlampen oder was. Gegenüber der Hüttentüre gab es einen Wassertrog aus dem über eine Hahnkonstruktion frisches Quellwasser aus dem Bach floss, einige Meter weiter gab es ein Holzhäuselchen mit klassischem Plumpsklo, und es gab eine Wiese, auf der wir unsere Zelte aufgeschlagen haben. Das war’s. Wer sich waschen wollte, hat den eiskalten Bach genommen, oder ist in den etwaswenigereiskalten Valchensee gehüpft, dessen Ufer nur paar Meter weiter war, ein wunderschöner Blick, das (noch analog gecknipste) Foto hängt hier immernoch:IMG_4308

In dieser wunderhübschen Kulisse sind wir jeden morgen mit frischer Luft und weit weg von städtischer Lärmkulisse aufgewacht. Und zwar recht früh. Wir sind dann nach mehr oder eher weniger ausgieber Morgentoilette in unsere Arbeitskleidung, feste Schuhe, Jeans und meist sowas wie ein Holzfellerhemd (oder T-Shirt?) geschlüpft, ich glaube mich erinnern zu können, das wir auch irgendeine Art von Schutzweste oder so bekommen haben, und sind in die Hütte gekrochen, wo die Köchin, die noch früher aufgestanden ist, uns ein wahrlich königliches Frühstück vorbereitet hatte, Kaffee war auch schon fertig. Ich erinnere mich noch an viele Gläschen von Rapunzel, Schokocreme und Marmelade, an Spiegeleier, aber das alles hat mich gar nicht interessiert, denn es gab auch einen fantastischen Frischkornbrei mit geschnittenem Obst, sowas kannte ich vorher gar nicht, aber es war wundervoll, da hätte ich drin Baden können. Frischkornbrei for President! Und so ein guter, ist mir danach nie wieder untergekommen!

Dann haben wir unser Equipment zusammengesucht, haben uns Quellwasser, Kaffee oder Früchtetee aus riesigen Töpfen in die Feldflaschen gefüllt, den die Köchin auch vorbereitet hatte, und sind zu dem Waldabschnitt gewandert, der an dem Tag dran war, also das war meist so etwa ne halbe Stunde Weg. Wir hatten eine etwas ältere Frau mit ner schönen Stimme und einem riesigen Liederrepertoir in der Gruppe, die immer wieder zum Singen angestimmt hat, und wer konnte hat mitgesungen oder einfach nur gelauscht. Von ihr habe ich auch den Text zu allen 3 Strophen von dem Lied gelernt, daß sich zu unserem Smash-Hit der Woche entwickelt hat, und es hat auch super zur Stimmung dieser Woche gepasst:

WER NUR DEN LIEBEN LANGEN TAG . . .

Wer nur den lieben langen Tag
ohne Plag, ohne Arbeit vertändelt, wer das mag,
der gehört nicht zu uns.
Wir stehn des Morgens zeitig auf,
hurtig mit der Sonne Lauf
sind wir, wenn der Abend naht,
nach getaner Tat
eine muntere, fürwahr
eine fröhliche Schar

Bist du ein fleißiger Gesell
voller Lust, voller Leben, dann schwinge dich so schnell,
wie du kannst, auf dein Pferd.
Findst du kein Roß für deinen Plan,
keinen Wagen, keine Bahn,
dann lauf, was die Sohle hält,
zu uns in die Welt;
denn wir brauchen dich, fürwahr,
in der fröhlichen Schar.

Wenn dich die Leute unterwegs
einmal neugierig fragen, wohin die Reise geht,
sag: ins Jungbrunnenreich !
Jungbrunnen soll der Name sein,
drum stimmt freudig mit uns ein:
Leben soll, solang die Welt
nicht in Scherben fällt,
unsre muntere, fürwahr,
unsre fröhliche Schar !

Als wir dann im Wald angekommen waren waren, haben wir uns etwas verteilt, entweder näher beieinander, so daß man ein bißchen quatschen konnte, oder etwas weiter weg, wenn man lieber seine Ruhe haben wollte.
Unsere Aufgabe war Borkenkäferbekämpfung. Um die Brut der Borkenkäfer loszuwerden, werden die Bäume, wo sie Brüten von ihrer Rinde befreit, es werden also ein paar Bäume ggf. geopfert, um alle anderen von den Käfern zu beschützen. Das ganze funktioniert so, daß man mit einer Machete die Rinde abgezogen hat, in der die Käfer die Eier abgelegt haben, dann trocknet die Brut aus. Besser als Chemie sprühen. Das ist schon schwere Arbeit, aber niemand hat einen gehetzt, und wenn man nicht mehr konnte, hat man sich halt kurz hingesetzt, eine geraucht oder ein Schwätzchen gehalten, dann ging es weiter. Und niemand hat nachgefragt, wieviele Bäume man entrindet hatte, einige haben bestimmt dreimal so viel wie ich geschafft, aber unterm Strich hat das Ergebnis der ganzen Gruppe dem Wald auf jeden Fall was gebracht.
Der Geruch von Wald und frischem Holz war natürlich toll, auch so einen jungen, frisch geschälten Baum anzufassen, manche haben sich auch ein Stückchen Holz zum Schnitzen mitgenommen,, und ich glaube auch letzte bullige Antiesoteriker hat mal einen Baum umarmt.

Und es war schon etwas archaisch, wenn ich da etwas weg vom Schuß mit meiner Machete auf den Baumrinden rumgefuchtelt habe, und mir die Borkenkäferlarven ins Gesicht gepritzt sind. Hört sich eklig an, war aber gar nicht sooo schlimm, und obwohl ich eher zur schwächeren Hälfe der Gruppe gehört habe, habe ich mich gefühlt wie „The toughest Woman of the Universe“. Körperliche Arbeit ist unheimlich befriedigend, vorallem an der frischen Luft, mitten im Wald wo die Sonne grünlich durchschimmert, weit weg von der Welt und vorallem auch noch für einen guten Zweck! An manchen Tagen haben wir überhaupt keine anderen Menschen gesehen, und oft waren wir auch weit weg von den Wegen.

Irgendwann gabs Mittagspause, wir haben (natürlich mit entspechender Vorsicht und unter den Augen des Försters) ein kleines Feuerchen gemacht und den großen Topf, den wir mitgeschleppt haben aufgewärmt. Für das was in dem Topf war hatten wir einen Namen, den ich vergessen habe, sowas wie „Bergwaldeintopf“ oder so, das waren im Prinzip alle Reste vom Abendessen vom Vortag, mit Wasser oder Tomatensauce oder weiß der Henker was noch allem zusammengepantscht und von unserer gigantischen Köchin zu etwas total leckerem zusammenkomponiert. Ich meine, nach dem Weg in den Wald und Stunden Waldarbeit hätte Pappmachee wahrscheinlich auch ziemlich gut geschmeckt, aber die Köchen hat wirklich regelmäßig Glanzleistungen hingelegt, das war fantastisch, und wir haben die Pampe immer restlos aufgegessen. Ich glaub dazu gabs noch Käsebrot oder so. Und zum Nachtisch oder zum Kaffee hatte der Förster immer ein paar Tafeln Schokolade im Gepäck, auf diesem Weg haben wir die ganze wunderbare Rapunzelschokoladenpalette durchprobiert, vor 16 Jahren war so eine luxuriöse Bioversorgung alles andere als selbstverständlich. Das Bergwaldprojekt hat sich wirklich gut um uns gekümmert.

Dann haben wir noch ein paar Stunden Borkenkäfer geschlachtet, nach und nach haben sich die, die nicht mehr konnten zusammengesetzt und gequatsch oder gesungen, und wenn genug Leute in der Gruppe k.o. waren oder wenn der offizielle Feierabend angerückt war, sind wir wieder zurück zum Camp gewandert und haben nicht mehr sehr viel getan, außer aufs Abendessen zu warten. Vielleicht noch kurz im See erfrischt. Oder auf der Wiese rumgelegen. Oder so. Nach dem Abendessen sind die erstens Schlafen gegangen, andere haben noch Karten gespielt oder geratscht, aber es gab ja nur in der Hütte Licht, draußen wurde es früh dunkel, und ich glaub die meisten waren spätestest um 9 im Schlafsack, und trotz harter Isomatten (die waren damals auch noch nicht so luxuriös wie heute) habe ich jede einzelne Nacht lang und wunderbar geschlafen.
Am letzten Abend hat der lokale Förster frischen Fisch direkt aus dem Valchensee neben dem Camp gebracht, der nur ein paar Stunden vorher gefischt wurde, und ein guter Teil der Gruppe hat beschlossen, an dem Abend ganz unvegetarisch zu sein, und die Köchin hat uns tollen gebratenen Fisch gezaubert, das war für mich echt was besonderes.

Und eine Woche später bin ich zwar müde, aber trotzdem völlig erholt und beseelt von der schönen Erfahrung wieder nach Hause gefahren. Ich brauche im Urlaub normalerweise lange zum abschalten und die Welt hinter mir zu lassen, aber diese Woche hat mich ganz und gar alles vergessen lassen. Es war für mich, damals hab ich in der IT gearbeitet, eine völlig neue Erfahrung, und niemand muß nach Südamerika fahren, wenn sie/er mal mit Machete im Urwald rumfuchteln will. Ich habe einiges über Wald im allgemeinen und Borkenkäfer im besonderen gelernt und viel Freude erlebt.
In den letzten 16 Jahren hat sich beim Bergwaldprojekt sicher auch einiges geändert, ich habe gesehen, daß Altlach nicht mehr im Programm ist, bei vielen Projekten gibt es auch Unterbringung in Jugendherbergen oder ähnlichem, und es werden auch nicht immer Borkenkäfer bekämpft, es werden auch Bäume gepflanzt oder Wege gebaut oder befestigt oder andere Sachen, und auch zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Die deutsche Webseite ist etwas komisch, aber schaut mal in der Schweiz.

Ich halte das ganze für eine großartige Sache, wichtig für unsere Bergwälder und absolut unterstützenswert. Aber auch wenn es euch mehr um das eigene Erfahren geht, oder ihr einfach mal ohne viel Geld und auf umweltfreundliche Art und Weise „Urlaub“ machen wollt, einfach mal was ganz anderes erleben wollt, kann ich das Bergwaldprojekt nur empfehlen. Und über Spenden freuen sie sich sicher auch.

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