Dick

Ich wollte schon lange mal ein paar Gedanken zum Wort „dick“ loswerden, weil mich das regelmäßig betrifft. Ich bin erstaunt, wie wenige Menschen in der Lage sind, das Wort „dick“ gegenüber einer dicken Person auszusprechen, außer es ist abfällig gemeint.

Ich bin dick. Das ist eine Tatsache. Und es gibt daran auch überhaupt nichts zu relativieren und keinerlei Zweifel, warum auch. Ich hab nicht ein paar Kilos mehr, und bin auch nicht stattlich oder kräftig, und schon gar nicht pummelig oder vollschlank. Und selbsverständlich bezeichne ich mich als dick. Das ist das normale deutsche Wort für das, was ich bin, so wie mittelgroß, blond oder grünäugig.

Aber von einem sehr hohen Anteil an freundlich motivierten Leuten wird dieses Wort vermieden wie die Pest. Unfreundlich motivierte benutzen es gerne, genauso wie fett, wampert und ähnliche Worte.

Ein typisches Gespräch, das ich kürzlich hatte, verlief etwa so:

Ich: „Tätigkeit X fällt mir ein bißchen schwer, weil ich recht dick bin…“
Andere: „ Du bist doch nicht dick…“
Ich: „Natürlich bin ich dick, ich wiege über 100 Kilo“
Andere: „Das sieht man Dir aber überhaupt nicht an….
Ich: „Natürlich sieht man das…“
Andere: „aber Du bist doch so hübsch…“

Hallo? Ich trage obenrum Größe 56, und man will mir nicht ansehen, daß ich dick bin? Und selbst wenn sie sich um 20 Kilo verschätzen würden, wäre ich immernoch dick. Wollen mir unzählige Leute erzählen, daß sie nicht dick von dünn unterscheiden können? Was für eine Welt wird hier eigentlich zusammenkonstruiert, um nur ja nicht eine dicke Person als dick zu bezeichnen oder das auch nur so stehenzulassen, selbst wenn sie selbst es tut?
Was damit natürlich einhergeht, ist, daß wenn ich nicht dick bin, daß es auch plötzlich kein Thema mehr ist, ob ich bestimmte Tätigkeiten deswegen ausführen kann, oder nicht, weil ja das Dicksein schon geleugnet oder relativiert ist. Es ist überhaupt nicht mehr möglich, über so etwas normal zu reden, es nur zu erwähnen.
Und das hat praktische Konsequenzen wenn das geleugnet wird, völlig unabhängig davon, wie es aussieht. Im obigem Gespräch ging es gar nicht ums Dicksein, sondern um Bücken bei der Gartenarbeit, und plötzlich ist das Gespräch ganz woanders. Und ehrlich gesagt, ist mein Aussehen auch das kleinste Problem an meinem Dicksein, ich finde mich ausreichend schön, und wenn nicht, dann aus ganz anderen Gründen, mir geht es um praktische Sachen. Das Bücken im Garten, daß mir auf die Knie geht, das ist eine echte Einschränkung und genau darum ging es ursprünglich. Ich will in der Regel nicht über mein Äußeres reden wenn es mir gerade um den Garten geht, oder ob ich schön bin oder nicht, wenn das Dicksein Thema wird. Schön Aussehen hat bei mir keine hohe Priorität. Das Dicksein wird bei mir aus praktischen Gründen zum Thema, es interessiert mich nicht, ob man mir mein Dicksein ansieht, ich weiß, das man das tut, aber plötzlich redet man über Aussehen.
Und wenn ich das Wort Dick gegenüber Personen ausspreche, dann kommen sie manchmal völlig ins rudern und probieren da irgendwie wieder rauszukommen. Was für ein krasses Stigma haben wir hier eigentlich, wenn das so oft so dermaßen schiefläuft? Und wenn ich in so einer Situation klar und deutlich drauf bestehe, daß ich dick bin, wurschteln sich die Leute irgendwie aus der Situation raus, etwa so krass als ob ich sie beim Lügen erwischt hätte, und genau genommen hab ich das ja auch. Und für mich ist das völlig absurd, ich musste noch nie drauf bestehen, daß ich blond bin, und wen interessiert das überhaupt? Und wie kommen Leute auf die Idee, mir über Tatsachen die mich betreffen und die ich kenne ins Gesicht zu lügen , das ungefragt für notwendig erarchten?
Ehrlich gesagt empfinde ich es als Beleidigung, wenn mir jemand sagt, ich wäre nicht dick, weil es nicht nur meine gefühlte Realität leugnet, sondern eine reale Tatsache die mich betrifft und Konsequenzen für mich hat. Für meine Existenz. Ein Teil von mir. Und wenn jemand mich pummelig nennt, finde ich das auch ziemlich übel.

Die andere Seite sind Leute, die mir nicht wohlgesonnen sind. Ich erinnere mich an eine Situation die schon eine Weile her ist, aber ähnliche Situation gab es auch vorher und nachher, die kommen immer wieder.

Ich war auf dem Bürgersteig einer recht belebten Straße unterwegs, etwas versetz neben mir ging ein Mann, und ein weiterer Mann kam uns sehr schnell entgegen, es war so eng, daß ich etwas ausgewichen bin, aber sonst ist niemand ausgewichen, der Mann streifte an mir vorbei mit den Worten „Geh halt weg, fette Sau“.
Unzweifelhaft war das einfach ein Arsch, aber ich finde es immer wieder krass, daß Leute mein Dicksein als Berechtigung sehen, mich fette Sau oder Fette Kuh oder so was zu nennen. Die Tatsache des Dickseins ist fester Bestandteil der Beleidigung, ich kann mich nicht erinnern, daß ich so auf der Straße mal Sau oder Kuh genannt wurde, ohne das „Fett“ vorher. Nickt-dicke Leute werden dann vielleicht blöde Kuh oder so genannt, aber fett scheint blöd jederzeit zu übertrumpfen.

Also, ich erzähle das, weil es wirklich fast immer schief geht, wenn ich außerhalb meines sehr engen Umfeldes das Wort dick in den Mund nehme, oder wenn jemand anders das tut. Selbst ÄrztInnen, ErnährungsberaterInnen, SozialpädagonInnen, etc. die beruflich damit zu haben, kommen da oft ins Rumeiern. Das soll einfach eine kleine Denkanregung sein, und auch die Frage: Wie handhabt Ihr das? Habt ihr da auch absurde Erfahrungen?

One thought on “Dick

  1. Schön herausgearbeitet. Toll, dass Du das Thema mal so ehrlich offen legst. Und es regt zum Nachdenken an. Sehe deutliche Parallelen bei der Verwendung des Wortes “behindert” im negativen Sinn. Da verhält sich die Welt teilweise ähnlich niveau- und gedankenlos.

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